Melodie & Rhythmus

Unheil verheissende Konstellationen

26.12.2016 14:12

Foto: Stephen Lam / Reuters

ZUM VERHÄLTNIS VON FASCHISMUS UND KULTURINDUSTRIE

Moshe Zuckermann

Der Kapitalismus bedurfte der bürgerlichen Gesellschaft zu seiner historischen Heraufkunft. Er wurde zu deren Produktionsweise bzw. sie erfuhr in ihm die konkrete Manifestation ihres Wesens. Der Faschismus ist ein Erzeugnis der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft. Da sie mit dem Kapitalismus immanent verbunden ist, besteht zwangsläufig auch eine (zumindest potenzielle) Verbindung zwischen Faschismus und Kapitalismus. Auf dieser Erkenntnis fußte Max Horkheimers bekanntes Postulat: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.« Horkheimer und Adorno sahen darüber hinaus in der Kulturindustrie des 20. Jahrhunderts eine dermaßen prononcierte Erscheinung des Spätkapitalismus, dass sie sie an prominenter Stelle ihres berühmten gemeinsamen Werks »Dialektik der Aufklärung« erörtern zu sollen meinten. Darf man also davon ausgehen, dass ein Zusammenhang zwischen Faschismus und Kulturindustrie besteht?

Die Frage lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten. Denn es dürfte klar sein, dass Kulturindustrie ihren triumphalen Eingang in gängige Formationen des Kapitalismus gefunden hat, die man nicht für faschistisch, geschweige denn für ein ausgereiftes faschistisches System erachten kann. Kulturindustrie ist in ihrer Warenförmigkeit stets kapitalistisch eingebunden, läuft aber nicht zwangsläufig auf Faschismus hinaus. Gleichwohl darf mit Bestimmtheit behauptet werden, dass sie dem Faschismus sehr wohl dienstbar sein mag, wenn sich der Kapitalismus in bestimmten historischen Phasen zum Faschismus radikalisiert. Das mag verwundern, denn zum einen ist Kulturindustrie als Maschinerie der kollektiven Bewusstseinsmanipulation (von »Aufklärung als Massenbetrug« sprachen Horkheimer und Adorno in diesem Zusammenhang) stets mit dem befasst, was der Faschismus propagandistisch zum Ziel hat; zum anderen ist sie aber ihrem Wesen nach gewaltlos. Sie kommt nett und wohlwollend daher, ist verführerisch und »demokratisch« zugleich, während doch die Kulturpolitik des Faschismus stets aggressive und nicht selten gewalttätige Züge ausgebildet hat, wenn es um die Bekämpfung seiner Gegner und Feinde ging. Aber schon Goebbels wusste, dass nicht nur die Hetzrede, die organisierte Kundgebung und der indoktrinäre Film notwendig waren, um die Massen für die Belange des NS-Regimes geschmeidig und willig zu machen, sondern auch die (seichte) Unterhaltung als integratives Manöver, mithin eine im Alltag vollzogene populäre, unaufgeregte Kulturkonsumption. Er musste zu diesem Zweck nicht unbedingt etwas Neues erfinden – Infrastruktur und Produktionsformen der Kulturindustrie standen ihm bereits aus vornazistischer Zeit zur Verfügung.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 1/2017, erhältlich ab dem 30. Dezember 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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