m&r 3/2010

Die Genrebezeichnung »Weltmusik« wurde 1987 im Hinterzimmer eines Londoner Pubs erfunden. Christoph Borkowsky war dabei.
Text/Interview: Donna San Floriante und Thomas König, Foto: Christian Ditsch
Piranha steht für eine unabhängige Berliner Firmengruppe, die sich seit über zwei Jahrzehnten auf den Musik- und Kulturaustauschmärkten behauptet. Wir sprachen mit Christoph Borkowsky, Präsident des Weltmusik-Labels, über die Entwicklung und Gegenwart eines Genres, über alte und neue Festivals und den Wandel der Branche.
Was führte Sie auf musikalische Pfade außerhalb Europas?
CHRISTOPH BORKOWSKY: Mitte der 70er Jahre recherchierte ich für meine Doktorarbeit in Ethnologie über Widerstandsbewegungen gegen den …

Das Bandoneon ist die Seele des Tangos. Wer hat‘s erfunden? Ein Erzgebirgler!
Text: Christina Wittich, Foto: Anja Jungnickel

Der Weg zum Herzen des argentinischen Tangos ist lang und kurvenreich. Er führt tief ins sächsische Mittelgebirge. Dort, im vogtländischen Klingenthal, setzt man das Herz zusammen. Eine Quetschkommode hält den Tango am Leben.
Uwe Hartenhauer ist einer von sechs Bandoneon-Bauern weltweit, die das Instrument noch herstellen. Seine Werkstatt liegt an der Hauptstraße, die durchs beschauliche Klingenthal führt, ein dreistöckiges, schmuckloses Gebäude neuerer Bauart. Im Erdgeschoss arbeiten er und zwei Mitarbeiter an den Instrumenten. still und …

Text: S. Schwarz, melodie&rhythmus, 2. Novemberheft 1960, 4. Jahrgang, No.22
Die Welt wird in unseren Tagen immer weiter und größer. Früher kannte der einfache Mensch seine eigene Stadt und ihre Umgebung, wenn er Glück hatte auch sein eigenes Heimatland. Er war mit der Kunst seiner Nation vertraut, soweit ihm die bürgerliche Klassengesellschaft die Möglichkeit dazu ließ. Jene arbeitenden Menschen, die bereit waren, größere finanzielle Opfer zu bringen, kamen auch ab und zu in ein Opernhaus oder gingen ins Konzert.
Sie lernten auf diese Weise die großen Kunstwerke vieler Nationen kennen. Es war …

Straßenmusik ist die globale Musikform Nummer Eins
Text: CKLKH Fischer, Foto: Christian Ditsch
Es geht nicht ursprünglicher: Ein Musiker steht am Wegesrand, er spielt auf seinem Instrument oder singt einfach nur ein Lied. Später, auf dem Marktplatz, sieht man einen weiteren, umringt von Kindern, kurz darauf findet man ihn wieder, wie er durch die Straßen zieht, das Instrument geschultert. Manchmal hat er Zeit, um einige Stücke zu spielen, oft wird er verjagt, kaum das er begonnen hat, manchmal gar beworfen. Doch immer wieder applaudieren ihm auch einige Zuhörer, geben ihm ein Stück …

Manu Chao wagte 1998 mit globalen Einflüssen einen musikalischen Neuanfang, nahm ein politisches Album auf – und blieb erfolgreich
Der 1961 in Paris geborener Sänger, Dichter und Gitarrist mit spanischen Wurzeln gilt als Inbegriff der Weltmusik. Tatsächlich lehnt Manu Chao, derunterschiedlichste musikalische Einflüsse gekonnt kombiniert, den Begriff Weltmusik seit jeher ab. Warum, erklärt Andy Vérol in einer soeben bei Hannibal erschienenen Biographie des Künstlers.
Der hier abgedruckte Text-Auszug zeigt Manu Chao in einer Phase radikaler Neuorientierung – zwischen dem Ende seiner legendären Band »Mano Negra« und der Veröffentlichung seines weltweit erfolgreichen Solo-Albums …

Das TFF Rudolstadt hat sich als größtes Tanz- und Folk-Fest etabliert
Text: Uli Grunert
Jahr für Jahr treffen sich am ersten Juli-Wochenende in Rudolstadt Musiker und Weltmusik-Fans aus aller Welt. Das Tanz und Folk-Fest ist eine Erfolgsgeschichte mit enormer Wirkung. Zur Gründung hätte das wohl niemand prophezeit.
Die Wurzeln des Festes reichen weit zurück. 1955 wurde das »1. Fest des deutschen Volkstanzes« in Rudolstadt ausgerichtet. Traditionelle Folkloremusik und tanzende Trachtengruppen prägten das Bild.
In den Anfangsjahren gastierten noch westdeutsche Tanz- und Volksmusik-Ensembles. Die DDR-Regierung propagierte damals die deutsche Einheit, da konnte man die Brüder …

Finnische Frauenband Indica will mit Pomp & Pathos weltberühmt werden
Text: Michael Fuchs-Gamböck
Natürlich kann man diese Musik als bombastischen Kitsch abtun oder als herrlichen Eskapismus in Reinkultur feiern. Tatsache ist: Das finnische Quintett Indica polarisiert. »Vor allem aber«, sagt Sängerin, Violinistin, Gitarristin und Keyboarderin Jonsu, »stehen wir für Drama pur! Wir sind fünf Mädchen, und wir sind Drama-Königinnen. Es ist an nicht wenigen Tagen ziemlich grässlich, mit uns in einem Raum zu sein – sogar für uns selbst. Aber nur unter einer solchen, sehr speziellen Spannung kann letztlich unsere sehr spezielle …

M.I.A. polarisiert die Medien mit kompromisslosen politischen Botschaften
Text: Katja Schwemmers, Foto: Promo
Sie ist Sängerin, Rapperin, Modedesignerin und politische Aktivistin. Und spätestens seit ihrem Grammy-nominierten Hit »Paper Plane« vom »Slumdog Millionaire«-Soundtrack aus der Musikszene nicht mehr wegzudenken. Was allerdings auch daran liegen dürfte, dass die aus Sri Lanka stammende Mathangi »Maya« Arulpragasam, besser bekannt unter ihrem Bühnennamen M.I.A., immer wieder aneckt. »Gut so«, findet die 35-jährige Elektropop-Songwriterin.
Was ist das größte Missverständnis über dich?
M.I.A.: Ich will nicht aufklären, was es ist. Denn ich mag Missverständnisse. Sie sind wichtig, weil es Menschen dazu …

Das Phänomen Balkanmusik zwischen Lebenslust, Romantik-Kitsch und nackten Hintern
Text: Volker Voss
1980 wurde die jugoslawische Rockband Azra mit dem Song »Balkan« berühmt – aber nur in ihrer Heimat. Bandleader Branimir Štulic sang über die Sehnsucht nach dem Balkan-Gebirge. Dieses Lied und seinen musikalischen Stil nannte man »Balkanrock«, eine melodische Mischung aus New Wave mit typischen traditionellen Balkanklängen, gespielt mit elektrischer Gitarre, Bass, Schlagzeug und Geige.
Der Song könnte das jugoslawische Gegenstück zu Citys Megahit »Am Fenster« gewesen sein. Allerdings orientierte sich der Geigen-Sound bei Azra viel tiefer an den musikalischen Traditionen des …

Der Schriftsteller Ilija Trojanow streitet für eine Kulturbegegnung ohne Herrschaft und neokoloniale Ausbeutung
Text: Thomas Wagner
In diesem Jahr ist es wieder so weit. Eine Gemeinde im bayerischen Ammergebirge führt von Mai bis Oktober ein Spektakel auf, das von Ferne an ein internationales Rockfestival erinnern mag, in Wirklichkeit aber auf ein frommes Mysterienspiel zurückgeht, dessen Ursprünge weit ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Oberammergau lädt zu den Passionsspielen und hat die ganze Welt bei sich zu Gast. Alle zehn Jahre versammelt sich das halbe Dorf, um Touristen aus aller Herren Länder das Leiden und …