m&r 3/2010

Schwerpunkt : Ost/West
Die nächste Ausgabe erscheint am 7. September. Themenschwerpunkt ist Ost/West. Dabei interessiert uns besonders, was sich in den 20 Jahren seit der Wende getan hat, wie Techno-Hippies einen Militärflughafen in Mecklenburg-Vorpommern erobern konnten und aus Karl-Marx-Stadt die HipHop-Metropole Chemnitz wurde.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Wir sind froh, Ihnen eine ziemlich sommerliche und abwechslungsreiche Ausgabe vorlegen zu können. Wir sind aber auch nicht böse, die Heftproduktion hiermit geschafft zu haben, um diesen Sommer umgehend durch die Beteiligung der m&r-Redaktion zu bereichern… Überhaupt sind wir guter Dinge. In den vergangenen Monaten haben wir ein neues inhaltliches Konzept entwickelt. Selbiges hat inzwischen erkennbar Gestalt angenommen. Es rief durchgehend positive Reaktionen hervor.
Folglich gibt es auch in diesem Heft wieder einen inhaltlichen Schwerpunkt, der sich durchs Heft zieht. Diesmal: Musik und Kulturen! Mit Mark Terkessidis …

Berührende Songs und außergewöhnliche Texte – Das gezeichnete Ich ist ein funkelnder Solitär in der deutschen Poplandschaft
Text: Katja Schwemmers, Foto: Andreas Mühe
Studiobesuch bei Das Gezeichnete Ich in Berlin. »Seien Sie froh, dass ich mich in dieser Gegend so gut auskenne«, meint der Taxi-Fahrer, während wir das Ostkreuz passieren. In der Tat liegt die Kreativzelle des wohl außergewöhnlichsten deutschen Newcomers der letzten Jahre etwas abseits auf einem Hinterhof eines Fabrikgeländes. Kaum ist man den Treppenabsatz des Gebäudes heraufgestiegen, steht man … in der Küche! Denn an diesem Ort wird nicht nur …

Das Gezeichnete Ich über Kunstprodukte, Über-Ichs und große Gefühlswelten
Text: Katja Schwemmers, Foto: Gabriele Senft
Was genau repräsentiert Das Gezeichnete Ich?
DAS GEZEICHNETE ICH: Für mich ist Das Gezeichnete Ich eher die Bezeichnung eines Menschen als solchen, eine Metapher eines Menschenbildes. Ich habe geguckt, wo ist der Mensch, was kann er wissen, was weiß er über sich, was ist sein neues Ich-Empfinden? Daraus resultiert der empathische Mensch. Und das ist für mich Das Gezeichnete Ich. Eben einer, der natürlich fühlt. Der auch das Gute will, der auch das Zusammenleben will. Der Glauben und …

Nina Hagen hat sich taufen lassen, ihre Bekenntnisse aufgeschrieben und eine Gospelplatte aufgenommen
Text: Thomas Wagner, Foto: Christian Ditsch
Berlin im Juni. Nina Hagen hat zur Pressekonferenz in die Parochialkirche in der Klosterstraße geladen. Sie posiert vor der Fotografenmeute, singt »We Shall Overcome«, Woody Guthries »All You Fascists Bound To Lose« und andere Lieder ihres neuen Albums. Dann spricht sie über ihr Engagement in der Friedens- und Anti-Atombewegung und ihre Liebe zur Gospelmusik. Im Anschluss gibt es im schattigen Garten der Kirche Zeit für Einzelgespräche. Ich will genauer wissen, was es mit …

Roman Fischer in der Großstadt
Text: Katja Schwemmers
Nach vier Jahren Pause bringt Roman Fischer sein drittes, selbstbetiteltes Album auf den Markt. Damit markiert das Wunderkind des Indiepop den beruf lichen und persönlichen Neuanfang.
Mit dem dritten Album ist dir der Sprung zum Majorlabel gelungen!
ROMAN FISCHER: Das fühlt sich gut an. Ich habe wohl das ungewöhnliche Glück gehabt, dass man mir drei Jahre Zeit gegeben hat, um diese Platte zu machen.
Wie hast du die Zeit genutzt?
ROMAN FISCHER: Ich war unzufrieden in Augsburg. Also bin ich nach Berlin umgezogen. Dort musste ich erst …

The toten Crackhuren im Kofferraum haben keinen Schimmer von Musik, machen aber trotzdem welche
Text: Christoph Schrag
Es glitzert auf der Bühne und aus den Lautsprechern dröhnen Beats, die sich nicht entscheiden wollen zwischen Underground und Ballermann. Drei Jungs bedienen schwitzend die Instrumente und stehen doch im Hintergrund, obwohl sie die einzigen sind, die hier arbeiten. Die Blicke des Publikums kleben an den Crackhuren, neun bis zwölf hüpfenden Mädchen, die Isolierdecken und bunte Mülltüten mit Klebeband um ihre Körper gewickelt haben. Die ungelenken Cheerleader singen von Ponys, Extensions, Mutti und dem Arbeitsamt. …

Der Retro-Sound von Big Gee ist ein musikalisches Antidepressivum
Text: Erik Brandt-Höge, Foto: Boris Breuer
Jetzt kauf ich Platten nur noch auf Vinyl / Polaroid macht die Bilder mit Stil / das klingt zwar verstaubt, ist vielleicht unmodern / doch ich hab’ das so schrecklich gern!« heißt es im Opener des ersten Albums von Big Gee »Retrologie«. Big Gee – das sind Greg Zimmermann (Klavier, Blasinstrumente), Marc Leymann (Multiinstrumentalist) und Pasquale Aleardi (Klavier und Gesang). Letzteren kennt man auch als Schauspieler (»Wo ist Fred?«, »Keinohrhasen«, »Dutschke«). Und retro sind bei ihnen nicht …

In Extremo erobern zum 15-jährigen Bandjubiläum Erfurt
Text: Jürgen Winkler
Am 24. und 25. Juli feiert eine der erfolgreichsten Mittelalterrockbands Deutschlands in Erfurt ihr 15-jähriges Jubiläum. Zwischen Innenstadt und Citadelle wollen In Extremo ein Spektakel veranstalten, von dem die Einheimischen noch ihren Urenkeln erzählen. Sänger Michael Rhein sprach mit m&r über die Geschichte der Band und den bevorstehenden Erfurter Hörschock.
1995 war die Erfurter Citadelle Schauplatz eines Mittelaltermarktes. In Extremo wären dort gern aufgetreten, wurden aber am Einlass mit den Worten begrüßt: »Euch wollen wir hier nicht sehen.« Statt in demütig gebückter Haltung …

Weltmusikalische Gedanken über das Leben nach Rock‘n‘Roll
Text: Mark Terkessidis
Folklore hab ich lange gehasst. Und zwar selbst in ihrer raffinierten Form, sozusagen getarnt als US-amerikanischer »Folk«. Das hatte seine Gründe. Als westdeutscher Jugendlicher in den frühen 1980er Jahren war ich umgeben von einem Volk von Langhaarigen in wallenden Gewändern, das während seiner endlosen Teerituale alle Formen von blödem Geklampfe und rührseliger Mitsingerei goutierte. Im Grunde handelte es sich um die Widergänger der Leute, die Bob Dylan 1965 in Newport von der Bühne buhten, als er es wagte, seine Songs elektrisch zu …