Melodie & Rhythmus

Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag

01.06.2017 00:08
Kontantin Wecker

Foto: Susann Witt-Stahl

Freunde und Kollegen würdigen den Künstler

Max Uthoff, Kabarettist

Esther Bejarano, Musikerin

Rolf Becker, Schauspieler

Claus von Wagner, Kabarettist

Moshe Zuckermann, Historiker und Kunsttheoretiker

Joan Baez, Singer-Songwriterin

Connie,
was für eine Inspiration deine Musik mir stets geboten hat! »Wenn unsere Brüder kommen« bleibt mein Lieblingslied in deutscher Sprache, und wenn ich zu Hause bin, passiert es mir, dass ich es einfach so, nur für mich, vor mich hinsinge – ein ganz wunderbarer Song. Unser Wiedersehen vor zwei Jahren in München hat die Erinnerung an unsere gemeinsame Tournee wieder aufleben lassen – eine herrliche Unternehmung, auf die ich so stolz bin wie auf meine Freundschaft mit dir. Alle Gute zum Siebzigsten! In Liebe,
deine Freundin Joan Baez

Hannes Wader, Liedermacher

Ich glaube, ich kenne dich ganz gut, lieber Konstantin. Sind wir uns auf unserer ersten gemeinsamen Tournee doch so nahegekommen, dass wir gleich danach noch eine drangehängt haben, und dann noch eine – weil uns danach war. Ich bin selten jemandem begegnet, der wie du vor Ideen nicht nur sprüht, sondern auch noch über die Zähigkeit und den Elan verfügt, sie umzusetzen; manchmal unmittelbar – so entstehen, ich habe es erlebt, viele deiner besten Lieder. Beispiellos auch, wie leidenschaftlich und vorbehaltlos du die Bühne und dein Publikum liebst, so dass beiden, Bühne und Publikum, keine andere Wahl bleibt, als dich ebenfalls zu lieben. So ist es, und so soll und so wird es hoffentlich noch lange bleiben. Glückwunsch zum Siebzigsten! Sei umarmt.
Dein Hannes

Wenzel, Liedermacher

Konstantin Wecker ist eine stilprägende Leitfigur für das Lied, das in deutscher Sprache singt. Seine musikalischen und literarischen Wurzeln reichen weit. Sie nähren sich intensiv aus dem lokalen Kolorit, das er mit bedingungsloser Weltsucht auflädt. Wecker gab dem deutschen Lied eine italienische Note. Seine Diesseitigkeit, Sinnenfreude und Streitlust haben ihn oft in die Zwiste der Zeit getrieben, und er hat ihnen mutig und kraftvoll getrotzt in allen Wetterlagen. Vitalität, die aus solchem Widerspruchsgeist entsteht, ist unabhängig von Moden oder Launen des Feuilletons. Die Ausdauer, die uns sein Lebenswerk vorführt, sucht ihresgleichen in diesen Breiten. Er begreift Kunst als einen Bestandteil des Lebens und nicht als abgehobene Droge der Selbstsucht. Dass er schon 70 Jahre alt sein soll, scheint mir unwahr. Seine Energie zeugt von einer anderen Lebensphase. Alles Gute!

Heinz Ratz, Liedermacher

Konstantin

So viele Flüche trafen ihn. Und so viel Segen.
Sein ganzes Wesen Kampf und Kraft.
Und trotzdem träumerisch bewegen
und zwischen Trümmern suchend nach den Wegen
der Lebensfreude und der Leidenschaft.

Es scheitert leicht, wer sich das Weh von Fremden
ans eigne Schicksal kettet, für das Wohl der Welt.
Doch was heißt scheitern? Denn das Sich-Verschwenden
vermag das Dunkelste noch umzuwenden,
bis man es leicht und licht zurückerhält.

So lebt er in der Suche nach den tiefsten Fragen,
und stets begleitet von der eignen Melodie.
Ihn trafen Zweifel. Und ihn trafen Klagen.
Wie kann er, fragt man sich, die alle tragen?
Mit seiner Menschenliebe trägt er sie.

Eugen Drewermann, Theologe

Konstantin Wecker ist einer von denen, die unermüdlich dafür eintreten, dass man mit Töten nicht Leben, mit Kriegen nicht Frieden und mit Lügen nicht Wahrheit schafft. »Wir müssen Verantwortung tragen.« O ja! Für die wachsende Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich, für die fortschreitende Zerstörung der Natur, für die Ursachen des Flüchtlingselends, für die Geschäftemacherei mit der Verschuldung ärmerer Länder – für all das und vieles mehr »tragen wir Verantwortung«, und sie ist unerträglich. Doch die uns Regierenden verstehen unter »Verantwortung« genau das Gegenteil: die »Pflicht« zur Aufrüstung, Ausbildung fremder Truppen, neokoloniale Militäreinsätze zur Ressourcensicherung sowie die schleichende Normalisierung von Krieg als einem Dauerzustand zur Wahrung unserer »Werte«. Mit allem, was er vermag – als Dichter, Musiker, als Person und als Mensch –, tritt Konstantin Wecker dieser Entwicklung entgegen. Glück und Gesundheit zu seinem Geburtstag wünsche ich ihm in gleicher Gesinnung und in großer Dankbarkeit von Herzen.

Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft Kultur des Friedens (GKF)

Konstantin Weckers Musik bildet seine reichen Lebenserfahrungen im Gelingen und im Scheitern ab – immer intensiv, immer authentisch. Mich erinnert sein umfangreiches Werk auch an unseren Freund und Mitstreiter Mikis Theodorakis. In allen Sparten der Musik findet er Gehör, sei es nun klassisches Lied, Jazz, Blues, Rap, Oper, Musical, Chanson oder Filmmusik. Konstantin ist neugierig auf andere Kulturen: Auf unserer Reise nach Bagdad im Jahr 2003 knüpfte er sofort Kontakt zu irakischen Musikern und gab mit ihnen ein Konzert gegen den Krieg. Er fördert junge Künstler und mischt sich mit seinen Liedern in das aktuelle Geschehen ein, so wie Bertolt Brecht und Hanns Eisler es in den 1930 Jahren taten – genialer Poet und Komponist in einer Person.

Dank künstlerischer, intellektueller und politisch rebellischer Begabung hat Konstantin immer etwas zu sagen, rüttelt uns auf, bleibt nie an der Oberfläche. Er sucht nach dem Sinn – den er dann gleich wieder parodiert in einem Lied zum Sinn. Humor, Lebenslust, Wissensdurst, Intuition und ein großes Herz, ein offenes Ohr und eine farbenreiche Stimme prägen seine Lieder. Sein Werk spiegelt auch ein halbes Jahrhundert Geschichte unserer Republik wider, mit vielfältigen politischen Themen, zu denen er Stellung bezogen hat: Krieg, Faschismus, Rassismus, Natur, Liebe, die Süchte und Sehnsüchte der Menschen, soziale Bewegungen, philosophische, religiöse Themen oder die Solidarität mit Flüchtlingen. Seine Lieder, sagt Konstantin, sind immer wahrhaftig – mehr als er und wir alle es in unserer Lebensgestaltung jemals sein könnten. Diese Einsicht und Haltung zeichnen ihn als Mensch und wahrhaften Künstler aus. Sein Werk und Wirken wird Bestand haben.

Heribert Prantl, Journalist

In der Juristerei gibt es einen Ausdruck, der »überschießende Innentendenz« heißt. Was bedeutet das? Es gibt Delikte, die subjektiv mehr verlangen, als objektiv passiert sein muss. Das ist die »überschießende Innentendenz«. Weil der Begriff im Strafrecht zu Hause ist, hat er einen eher unguten Beigeschmack. Wenn ich an Konstantin Wecker denke, wird das Wort »überschießende Innentendenz« zu einem guten, zu einem wunderbaren Wort. Bei Wecker geht es um das Engagement für Demokratie, für Rechtsstaatlichkeit, für Frieden und Aufklärung – gegen Aufrüstung, gegen Nazis und Neonazis, gegen Reaktion und Verdummung. Konstantin Wecker singt und schreit, er wimmert und klagt, er wütet, wenn aus dem »Nie wieder« ein »Schon wieder« wird. Bei kaum jemanden hat das Wort »überschießende Innentendenz« einen so guten, einen so zarten und so wilden Klang wie bei ihm. Wecker ist ein Demokrat und Anti-Nazi mit Leib und Seele und Stimmbändern und Kopf und Bauch und Herz. Er ist einer von denen, die man unbedingt braucht, um die Demokratie zu erhalten. Manchmal ist er ein singendes Verfassungsgericht.

Oskar Lafontaine, Politiker

Konstantin Wecker ist nicht einfach irgendein Musiker. Ich liebe seine Musik. Aber ich schätze auch den engagierten Künstler, der sich immer wieder für die Schwachen und diejenigen, die im Abseits stehen, einsetzt. »Tobe, zürne, misch dich ein/ Sage nein!« – das ist nicht nur der Refrain eines bekannten Wecker-Liedes, das ist seine Grundhaltung. Er legt sich an mit den alten und den neuen Nazis, kämpft gegen Hass und Vorurteile – und lässt sich dafür im Netz beschimpfen. Gerade jetzt, wo die Rechte immer stärker, der Ruf nach nationaler Abschottung immer lauter und die Erinnerung an den Holocaust als »Schande« diffamiert wird, brauchen wir viele, die sich einmischen und ihre Stimme erheben wie Konstantin Wecker.

Aber ich fühle mich auch dem anderen Wecker verbunden, demjenigen, der die Menschen und das Leben liebt und genießt. Der sich nicht verbiegt und nicht unterkriegen lässt – auch nicht von den Kampagnen der konservativen Medien: »Ich weiß, ihr hättet mich sehr gerne redlich, reif und situiert/ Lasst euren Käse reifen. Ich bleib lieber weiter unkastriert/ Ich steh doch immer wieder auf, auch wenn bis jetzt noch vieles mies war/ Ab heute wird nichts mehr versäumt: Wer nicht genießt, ist ungenießbar.« Ja, solche ehrlichen und das Leben liebende Menschen machen Hoffnung auf eine bessere Welt. Auch wir Politiker, die sich viele Jahre in den »Niederungen« des täglichen Kampfes gegen Krieg und Unrecht mühen, brauchen die Unterstützung und die Inspiration durch politisch engagierte Künstler. Die Lieder, die Poesie Konstantin Weckers geben immer wieder Kraft.

Reinhard Mey, Liedermacher

Unsere Wege haben sich des Öfteren gekreuzt, und manches Mal habe ich die Freude gehabt, gemeinsam mit Konstantin auf der Bühne zu stehen und zu musizieren. Immer waren es ganz besondere Auftritte, mit denen ich kostbare Erinnerungen verbinde. Da ist das legendäre Konzert »Mey – Wader – Wecker« zu Hannes’ 60. Geburtstag, da ist unser Gesang auf der großen Friedensdemo 2003 gegen den Krieg im Irak vor einer Million Gleichgesinnter am Brandenburger Tor, da sind die gemeinsamen Lieder bei den »Songs an einem Sommerabend«. Und als wahre Schätze hüte ich Konstantins Version meines Liedes »Lass Liebe auf uns regnen« und das kleine, liebevolle Duett, das er mir zu meiner Aufnahme seines »Was keiner wagt« geschenkt hat. Konstantin fasziniert mich mit seiner kraftvollen Musikalität, seiner Spielfreude und seiner Hingabe an das Publikum. Ich bewundere seine Wachsamkeit, sein Engagement und seine kompromisslose Geradlinigkeit. Ich liebe Konstantin für seine Herzlichkeit und seine menschliche Wärme.

Und nun mal direkte Rede: »Gratulation, lieber Konstantin, zu deinem großen Werk! Und Glückwunsch zu deinem Geburtstag und den Jahren, die vor dir liegen. Lass dir von einem, der das Kap der 70 schon umschifft hat, sagen: Das Leben geht weiter und es ist schön. Bleib gesund und wachsam und singe und sage, was keiner wagt! Dein Reinhard.«

Heike Hänsel, Politikerin

Konstantin Wecker ist einer der wenigen politischen Liedermacher unserer Zeit. Er singt an gegen skrupellose Waffenhändler, Börsenspekulanten und Marktapologeten. Der Doppelmoral und der Gleichgültigkeit hat er den Kampf angesagt. Seine Lieder sind ein Plädoyer für Empörung und Widerstand angesichts der herrschenden Verhältnisse. Statt seelenlosem Politikbetrieb fordert er, »mit dem Herzen zu denken«. Seine Werke sind immer auf der Höhe der Zeit und doch zeitlos. Seine Lieder sind radikal und sinnlich zugleich. Seine Musik rührt an. Die Menschen strömen ermutigt und voller Kraft aus seinen Konzerten. Ich bin froh, dass Konstantin Wecker als konsequenter Pazifist seine Stimme erhebt, überall dort, wo Kriege geplant und schöngeredet werden. Glückwunsch, Konstantin, ich gratuliere zum 70. Geburtstag und freue mich auf viele weitere musikalische Interventionen!

Roger Stein, Musiker und Autor

Die Welt aus dem Weitwinkel des Herzens zu betrachten und sich nicht von Gartenzwergen, die behaupten, »Realisten« zu sein, einschüchtern zu lassen, sondern an die Sprengkraft der Utopie zu glauben! Konstantins Werk ist gewaltig, beeindruckend, überbordend! Er hat mit seinen Liedern sicher mein eigenes Schaffen und das vieler meiner Kollegen entscheidend mitgeprägt. Wir sind ja praktisch mit ihm groß geworden!

Umso schöner war es für mich, in letzter Zeit mit ihm gemeinsam da und dort auf der Bühne zu stehen. Denn hinter diesem genialen Schaffen steht ein liebenswürdiger, herzenswarmer Mensch, der keine Angst hat, sich immer wieder einzumischen, wenn es darum geht, eben genau jene Herzenswärme zu verteidigen. Darüber hinaus gelang es ihm wie keinem Zweiten, die urdeutsche klassische Liedtradition, wie wir sie von Schumann oder Schubert kennen, in die Gegenwart zu tragen – und gerade damit steht er ziemlich allein. Wir wollen ihn feiern!

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